Der Spezialkunde

Hugo Bönzli und Otto Löblich kommen meistens paarweise. Nicht etwa, dass sie ein Paar sind und jemals eines werden. Nein, dazu sind sie äusserlich wie charakterlich zu verschieden und diese Unterschiedlichkeit war es, die sie paarweise die Modellbahnszene und hin und wieder auch meine Modellbahn-Vinothek be- und manchmal auch heimsuchen lassen.  

So auch heute: Während Löblich geradezu mustergültig jeden Artikel mit einer Sorgfalt behandelt, die einer Meissener Porzellanfigur würdig ist, bevorzugt Bönzli die Viehmarktmethode um die Wertigkeit eines Modells zu ergründen. 

Bönzli, eine hagere, hochgewachsene Ausgabe eines verkannten Frauenverstehers mit schütterem Haar in den Mittfünfzigern profiliert sich in erster Linie durch profundes Wissen zu Schweizer Lokomotivtypen aus den 50iger bis 80iger Jahren, mit denen er in jüngeren Jahren als Lokführer noch selbst das eidgenössische Schienennetz unsicher machte. Mit derselben Begeisterung widmet er sich helvetischen Armeefahrzeugen, die er in seinen geistigen Augen regelmässig im Defilee vor seinem Haus in Bönzwil vorbei donnern lässt. 

Soeben hat er die Hinterachse eines VW-Bus-Modells der Schweizerarmee kunstvoll gequetscht um nun die Preisverhandlungen über dieses - seiner Meinung nach - doch nicht all zu hochwertige Produkt zu eröffnen. Während er das bedauernswerte Modell mit Daumen und Zeigefinger in den Schwitzkasten nimmt, meint er, dass der Verkaufspreis von 28.00 Franken für dieses schadhafte Modell doch viel zu hoch sei. Da er aber heute in Geberlaune wäre und er mich von diesem schadhaften Modell erlösen wolle, er dafür gerne noch fünf Franken geben würde. 

Beglückt und zufrieden mit sich selbst und seiner Grosszügigkeit lehnt er sich zurück und meint, dass man nun zur Feier des vermeintlich erfolgreichen Handels eine Flasche Rotwein aus der Ladenvinothek (selbstverständlich auf Kosten des Hauses) öffnen könne um das nahende Wochenende einzuläuten. 

Weniger beglückend ist der Umstand, dass statt des Rotweins eine Flasche Mineralwasser auf dem Tisch landet und der VW-Bus in den Händen des vorwurfsvoll dreinblickenden Löblich verschwindet, der das misshandelte Modell mit viel Feingefühl wieder in Form bringt und es für sich zum Ladenpreis erwirbt während er Bönzli für seine unsachgemässe Behandlung tadelt. 

Bönzli hält sich nicht lange mit seinem Verhandlungsmisserfolg auf, hat doch eine attraktive elegant gekleidete Dame den Laden betreten. Ihre Blicke treffen sich und Bönzli tut das, was er am besten nicht kann. Er versucht sich in einem Kompliment, das aus seinem Mund wie so oft nicht über das Stadium der billigen Anmache hinaus kommt. 

Ein kurzer abschätziger Blick ist die Antwort bevor sich die Dame wortlos umdreht und sich an Ihren Mann wendet, der gerade im hinteren Ladenteil die neu eingetroffenen Leichtstahlwagen begutachtet. Ihre Augen funkeln unmissverständlich und die geplante Erweiterung des Fuhrparks muss auf einen späteren Zeitpunkt ohne Anwesenheit von Bönzli-Frauenversteher verschoben werden. 

Der Stimmung von Bönzli tut dies natürlich keinen Abbruch und er beginnt eine lebhafte Aufzählung verflossener Frauengeschichten. Löblich, dem die Sache langsam unangenehm wird, versucht das Thema wieder in Richtung Modelleisenbahn umzulenken, wonach Bönzli wenig verlegen von seinem letzten Ausflug in die ehemalige DDR zu schwärmt, den er mit seiner letzten Freundin unternommen hatte. Alles sei perfekt gewesen, jeden Tag habe man Bahnstrecken und Bahnhöfe besucht und das Hotel mit Fenster zum Güterbahnhof und authentischer DDR-Küche wäre ein absoluter Traum gewesen. Alle fünf Minuten sei ein Güterzug vorbei gedonnert – einfach herrlich! Betrüblich war einzig der Umstand, dass Hildegard seine Begeisterung für diese Art Aktivferien nicht teilen wollte und nach einem DDR-Eintopf und zehn donnernden Güter-Nachtzügen unverhofft abreiste und Bönzli seither wieder Single ist. 

„Da versteh einer noch die Frauen!“ meint er kopfschüttelnd. Er nimmt einen Schluck Mineralwasser und wendet sich an Löblich. „Komm – lass uns noch einen Kaffee (Wein ist dort leider zu teuer) in der Bünzwiler Prinzenstube nehmen, die haben dort eine hübsche Serviertochter!“ Seufzend folgt ihm Löblich zum Ausgang, wohlwissend, dass es nicht nur bei einem Kaffee bleiben wird …

 


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